Belastungsprobe für den baden-württembergischen Maschinenbau

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Die Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus in Baden-Württemberg sehen sich großen Herausforderungen gegenüber. 70 Prozent der Unternehmen bezeichnen ihre aktuelle Auftragslage in einer Umfrage des VDMA Baden-Württemberg als schwach, schlecht oder sehr schlecht.

Zugleich erwarten 41 Prozent eine Verbesserung der Auftragslage in den nächsten sechs Monaten. Die aktuelle Ertragslage bezeichnen fast 60 Prozent als schlecht oder sehr schlecht.

„Der Maschinen- und Anlagenbau leidet darunter, dass Impulse von Binnen- und Weltmarkt ausbleiben. Zugleich gehen viele Unternehmen davon aus, dass sich die Situation Richtung Jahresende verbessern könnte. Die Nagelprobe steht der Branche also noch bevor“, sagte der Vorsitzende des VDMA Baden-Württemberg, Dr. Mathias Kammüller, vor Journalisten in Stuttgart.

Umsatzerwartungen für 2020 stark rückläufig

89 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass ihr Umsatz im laufenden Jahr rückläufig sein wird, davon erwarten 28 Prozent sogar einen Umsatzrückgang von mehr als einem Viertel. Auf Basis dieser Einschätzungen könnte der Maschinenbau in Baden-Württemberg 2020 auf ein Umsatzniveau von rund 70 Milliarden Euro zurückfallen. Dies entspricht einem Minus von 16 Prozent gegenüber 2019. Eine Folge sind deutlich nach unten korrigierte Investitionspläne. Für 2021 sind die Betriebe optimistischer und erwarten im Schnitt ein Umsatzplus von 2,4 Prozent gegenüber dem laufenden Jahr.

Wenig Vertrauen in internationale Märkte

Die Erwartungen der Unternehmen an die internationalen Märkte haben sich gegenüber dem Vorjahr deutlich verschlechtert. Besonders negativ sind die Geschäftserwartungen an die USA, Zielland Nummer 1 für baden-württembergische Maschinen und Anlagen. Ebenfalls schwach fallen die Erwartungen an Brasilien, Indien, Großbritannien, Russland sowie die Märkte der EU aus. Kaum Perspektiven sehen die Befragten derzeit auch auf dem deutschen Inlandsmarkt.

Zum Lichtblick hat sich China – Zielland Nummer 2 baden-württembergischer Maschinen - entwickelt, dessen Potenzial mehr als jedes vierte Unternehmen positiv einschätzt.

Insgesamt dürfte das Exportvolumen des baden-württembergischen Maschinenbaus 2020 deutlich abnehmen. Auf Basis der Umfrage, an der knapp 300 Maschinenbaufirmen teilgenommen haben, ergibt sich ein Rückgang von 14 Prozent.

Unternehmen zwischen Kurzarbeit und Personalabbau

In den vergangenen sechs Monaten hat mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen einen Abbau seiner Belegschaften vorgenommen, vorrangig durch eine Reduktion der Leasingkräfte. Daneben wurde auf Flexibilisierungsinstrumente wie den Abbau von Zeitkonten gesetzt. 76 Prozent der Befragten geben an, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt zu haben.

In den kommenden Monaten wird der Personalabbau – wenn auch mit verminderter Dynamik – weitergehen und könnte verstärkt die Stammbelegschaften treffen. Dr. Kammüller zeigte sich überzeugt, dass die Entscheidung der Bundesregierung für eine Verlängerung der Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes über das Jahresende hinaus wesentlich dazu beiträgt, Arbeitsplätze im Maschinenbau zu sichern: „Die Unternehmen haben Kurzarbeit genutzt, um Belegschaften zu halten. Sie sind angesichts rapide sinkender Umsätze weiterhin auf dieses Instrument angewiesen.“

Deutlich weniger offene Stellen

Mit 526 Vakanzen ist die Zahl der offenen Stellen in den Betrieben gegenüber der Vorjahresbefragung deutlich zurückgegangen. Ein Minus ist vor allem auf der Qualifikationsebene der Facharbeiter festzustellen. Verstärkt gesucht werden dagegen Ingenieure und Ingenieurinnen aus den Bereichen Forschung, Entwicklung und Konstruktion sowie IT/Software und Datenmanagement. „Die Unternehmen suchen Kräfte, die im IT-Bereich Projekte vorantreiben und damit Zukunftsmärkte erschließen“, sagte Dr. Kammüller.

Absatzmärkte der Europäische Union stärken

Die fehlende Export- und Binnennachfrage ist derzeit mit Abstand größtes Wachstumshemmnis im baden-württembergischen Maschinen- und Anlagenbau. Auch strukturelle Umbrüche – zum Beispiel in der Kundenbranche Automobilindustrie – bremsen Wachstum aus.

„Von der Politik erwarten die Unternehmen in diesem Zusammenhang, den EU-Heimatmarkt und damit die absatzintensivste Region des Maschinenbaus zu stärken. Infrastruktur-Investitionen in Klimaschutz und Digitalisierung sind das Mittel der Wahl. Dabei gilt es, die unternehmerische Freiheit und die Technologieneutralität zu stärken und keine neuen bürokratische Hürden aufzubauen“, forderte Kammüller mit Blick auf das Wiederankurbeln der europäischen Wirtschaft für die Zeit nach Corona.

Weitere dringende Handlungsbedarfe sehen die Unternehmen laut Umfrage im Abbau von Handelshemmnissen und im Bürokratieabbau.

Corona treibt Digitalisierung voran

Fast 70 Prozent geben an, dass Corona die Digitalisierung im eigenen Betrieb beschleunigt hat. Dies betrifft insbesondere die Bereiche Vertrieb, IT, Forschung und Entwicklung sowie Service. „Der Wegfall von Messen und Reisen hat dafür gesorgt, dass vertriebsseitig in digitale Tools und Prozesse investiert wird. Ebenso müssen Serviceversprechen erfüllt werden, zum Beispiel durch den verstärkten Einsatz von Fernwartungen“, kommentierte Dr. Kammüller.

Lieferketten bleiben bestehen

Die Corona-Pandemie hat insbesondere zu Beginn zu einer deutlich spürbaren Beeinträchtigung der Lieferketten geführt. Dennoch will aktuell der Großteil der Betriebe im Maschinenbau keine Veränderung der Bezugsquellen vornehmen. Lediglich 18 Prozent streben eine Erhöhung des Anteils regionaler Anbieter oder eine international stärkere Diversifizierung an.

Finanz- und Liquiditätsbedarfe vorrangig durch Bordmittel gedeckt

Durch Corona entstandene Liquiditätsbedarfe wurden vorrangig durch Kostensenkungsprogramme und die Optimierung des Working-Capital-Managements gedeckt. Ergänzende Bankkredite spielten nur für jedes fünfte Unternehmen eine Rolle, staatliche Beihilfen etwa für jedes zehnte. 43 Prozent der Unternehmen hatten durch Corona keinen zusätzlichen Finanzbedarf.

„Die Unternehmen haben ihr Augenmerk auf die Anpassung ihrer Kapazitäten gelegt, um Liquidität zu sichern. Auch die in der jüngeren Vergangenheit aufgebauten Finanzpolster helfen in der aktuellen Krise, Verluste zumindest vorübergehend zu verkraften“, schloss der Vorsitzende des VDMA-Landesverbands.

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