Nachwuchs finden und qualifizieren

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Fragt man im Maschinen- und Anlagenbau nach den aktuellen Top-Themen, werden meist Nachwuchsmangel und Qualifizierung für Industrie 4.0 genannt. Welche Fragen und Herausforderungen stecken dahinter?

Hintergrund: Fachkräftemangel

Über 300.000 MINT-Fachkräfte fehlen dem deutschen Arbeitsmarkt – eine Größenordnung, die nachdenklich stimmt.

„Der Fachkräftebedarf droht zu einer Wachstumsbremse zu werden,“ warnt der Leiter der VDMA-Bildungsabteilung Dr. Jörg Friedrich.

„Der Maschinen- und Anlagenbau ist eine der Schlüsselindustrien in Deutschland und trägt einen großen Anteil zu Wohlstand und Wachstum bei. Hier werden die Innovationen vorangetrieben, die wir für die Energiewende und gegen den Klimawandel brauchen, Innovationen, die auch in vielen Jahren noch Wohlstand schaffen sollen. Möglich machen das über eine Million gut ausgebildeter Facharbeiterinnen und Facharbeiter, Ingenieurinnen und Ingenieure“, betont Friedrich.

Herausforderung Demografie: Ältere Arbeitnehmer in MINT-Berufen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2019a, IW Köln Berechnungen

Die deutsche Wirtschaft sucht nach Fachkräften, insbesondere im MINT-Bereich liegt der Fachkräftemangel auf Rekordniveau. Insgesamt fehlen hier mehr als 300.000 Spezialisten. Besonders betroffen sind die für den Maschinen- und Anlagenbau so wichtigen Elektro- und Mechatronik-Berufe. Hier liegen laut IW Köln flächendeckend starke Engpässe vor (MINT-Frühjahrsreport 2019). Der Mangel bei den für die Digitalisierung so wichtigen IT-Kräften hat sich in den vergangenen fünf Jahren sogar mehr als verdreifacht: von 19.000 im April 2014 auf 59.000 im April 2019. Das ist ein Rekordwert - Tendenz weiter steigend.

„Trotz ihrer enormen Ausbildungsanstrengungen gelingt es unseren Unternehmen nicht, alle Ausbildungsplätze zu besetzen.“ (Dr. Jörg Friedrich)

Strategien für die Nachwuchswerbung

Durch den demografischen Wandel sinkt die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Deutschland, besonders in ländlichen Regionen. Haupt- und Realschulen sind davon stärker betroffen als Schulformen, die zur allgemeinen Hochschulreife führen. Gleichzeitig ist ein allgemeiner Trend zum Studium zu beobachten. Heute beginnen deutlich weniger junge Menschen eine berufliche Ausbildung, als dies noch vor fünfzehn Jahren der Fall war. In der Summe beklagen viele Unternehmen zunehmende Schwierigkeiten vor allem bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen.

Regionale Strahlkraft entwickeln

Unternehmen, die auch in Zukunft attraktiv für Schulabgängerinnen und -abgänger sein möchten, müssen heute schon frühzeitig um sie werben. Die zentrale Herausforderung besteht darin, vertrauensvolle Beziehungen zum Nachwuchs sowie Lehrkräften und Eltern zu entwickeln. Dafür bedarf es eines gut durchdachten Konzepts mit einer zielführenden Strategie.

Ein erfolgversprechender Ansatz dazu ist die regionale Zusammenarbeit in Kooperationen mit Kindergärten und Schulen. Die meisten Bildungsinstitutionen freuen sich über unterstützende Angebote in Themenfeldern, die sie selbst nicht hinreichend bedienen können. Wichtig dabei: Angebote für Kindergärten oder Schulen sollten sich an deren Bedarfen orientieren.

Ein gutes Praktikum ist das beste Nachwuchsrecruiting-Tool

Einblicke in die betriebliche Praxis sind für Schülerinnen und Schüler ein wertvoller Baustein in der Berufsorientierung. Gleichzeitig sind Schülerbetriebspraktika für Unternehmen seit vielen Jahren ein bewährtes Instrument der Nachwuchsgewinnung. Die vom VDMA beauftragte Impuls-Studie „Nachwuchs für technische Ausbildungsberufe im Maschinenbau“ zeigt: Fast zwei Drittel der befragten Auszubildenden haben durch ein Praktikum gemerkt, dass ihnen der Bereich liegt und sich maßgeblich durch diese praktische Erfahrung für eine technische Ausbildung entschieden. Über die Hälfte hat auch das konkrete Ausbildungsunternehmen im Praktikum gefunden. Schülerpraktika sind also in hohem Maße dazu geeignet, Jugendliche von der Attraktivität der technischen Berufsbilder und insbesondere vom eigenen Unternehmen zu überzeugen.

Mehr Informationen zum  Thema Nachwuchswerbung bietet der neue Handlungsleitfaden Nachwuchswerbung. Er soll insbesondere KMU dabei unterstützen, die eigene Nachwuchswerbung strategischer aufzustellen. Gegliedert in sechs Phasen zeigt der Leitfaden, wie dies zwischen Kindergarten, Schule und Ausbildungsbetrieb gelingen kann.

Authentizität gewinnt – Azubis in der Nachwuchswerbung einsetzen

Immer mehr Unternehmen setzen die eigenen Azubis für die Nachwuchswerbung ein. Niemand kann authentischer mit der jungen Zielgruppe kommunizieren. Der VDMA bietet dazu die passende Schulung. Umfassend und tiefgehend trainiert, entwickeln sich technische Auszubildende in unseren Schulungen in zwei Tagen zu kommunikativen, selbstsicheren Azubi-Mentorinnen und -Mentoren. Auch 2019 bietet der VDMA wieder Azubi-Mentoren-Schulungen in verschiedenen Regionen Deutschlands an.

Jugend (auch) online ansprechen

Neben klassischen Maßnahmen wie Schulkooperation, Praktika oder Elternabende in der Region gehört heute auch eine ordentliche Karriereseite zum Einmaleins der Nachwuchswerbung. Hier finden User Informationen über den potentiellen Arbeitgeber, Stellenausschreibungen, vielleicht sogar authentische Einblicke von aktuellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder Azubis. Ideal ist es, wenn Unternehmen dazu unkomplizierte digitale Bewerbungswege ermöglichen.

Stellenangebote können VDMA-Mitglieder dazu auch ganz leicht auf talentmaschine.de veröffentlichen, dem Nachwuchsportal für den Maschinen- und Anlagenbau. Das Portal informiert den Nachwuchs über die Berufs- und Karrieremöglichkeiten im Maschinen- und Anlagenbau. Neben Infos zu den typischen Berufen, Praktika und Studienmöglichkeiten bietet die Seite auch eine integrierte Stellenbörse mit besonderem Mehrwert für VDMA Mitglieder.

Ingenieurausbildung Industrie 4.0

Industrie 4.0 ist für den Maschinen- und Anlagenbau das zentrale Thema, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In Produktion, Produkten und Dienstleistungen wird die digitale Vision zunehmend industrielle Realität. Die Dynamik ist hoch – die Maschinenbau-Industrie, größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland, arbeitet intensiv an neuen Lösungen.

Der digitale Wandel ist natürlich kein Selbstläufer: Über das Gelingen entscheiden maßgeblich die Menschen in den Unternehmen. Die Ausbildung von Ingenieurinnen und Ingenieuren muss sich für Industrie 4.0 weiterentwickeln. Doch welche Anforderungen stellen Maschinen- und Anlagenbauunternehmen hierbei? Inwieweit sind die Hochschulen für Industrie 4.0 gerüstet?

Um diese Fragen zu beantworten, hat der VDMA erstmals ein ‚Soll-Profil Ingenieurinnen und Ingenieure 4.0‘ vorgelegt, welches auf den Anforderungen der Maschinenbau-Industrie basiert.

Change-Prozess an den Hochschulen drängt

Doch zwischen dem Soll-Profil für Ingenieurinnen und Ingenieure und der hochschulischen Realität besteht ein beträchtliches Delta. Für die Hochschulen bedeutet dies, dass sie mit dem technischen Fortschritt gehen und ihre Curricula rasch anpassen müssen.

Obwohl die Hochschulen bei der Ingenieurausbildung für Industrie 4.0 bereits erste zielführende Ansätze entwickelt haben, stehen sie vielfach noch am Anfang einer notwendigen Entwicklung. Insbesondere die Integration neuer fachlicher Inhalte stellt eine große Herausforderung dar: So gibt es kaum strukturierte Entscheidungsprozesse zum Einbezug neuer und zur Streichung alter Inhalte. Die Anpassung der Curricula drängt aber – neben fachlichen Kompetenzen in einer Kerndisziplin sind künftig Fähigkeiten in Informatik, Data Science und Datensicherheit unabdingbar. Zudem wird es immer wichtiger, vielfach vorherrschendes Silodenken in den Fachbereichen und Fakultäten aufzubrechen und die Vernetzung in der Lehre voranzutreiben. 

Die Studie empfiehlt die Einführung eines zweisemestrigen gemeinsamen ingenieurwissenschaftlichen Grundstudiums. Möglich werden dann erste Einblicke in die Studiengänge Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik, zugleich verbessert sich die Entscheidungsbasis für die anschließende Wahl einer Kerndisziplin. Unternehmen können für die Entwicklung solcher Grundlagenkurse die unverzichtbare Sicht der Praxis und neue Anforderungen im Zuge der Digitalisierung einbringen. 

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, kann sich die Studie „Ingenieurinnen und Ingenieure für Industrie 4.0“ kostenlos herunterladen.

Wie fit sind Sie für Industrie 4.0?

Testen Sie sich selbst und machen Sie den „Kompetenzcheck 4.0“, der im Rahmen der Studie entwickelt wurde. Das Online-Tool basiert auf der quantitativen Befragung der Unternehmen und gibt Auskunft über die eigenen ingenieurwissenschaftlichen Kompetenzen für Industrie 4.0.

VDMA-Initiative „Maschinenhaus - Plattform für innovative Lehre“ unterstützt bei Change-Prozessen

Die Studienergebnisse nutzt der VDMA, um die Hochschulen bei der Weiterentwicklung der Lehre in der Ingenieurausbildung zu unterstützen. Die Maschinenhaus-Initiative setzt sich für eine zukunftsfähige Hochschulausbildung und mehr Studienerfolg in den Disziplinen des Maschinenbaus, der Elektrotechnik und der Informatik ein. Dabei versteht sich das Maschinenhaus als „Plattform für innovative Lehre“, die Akteure aus Hochschulen, Politik und Unternehmen miteinander vernetzt. Damit soll den hohen Studienabbruchquoten in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen entgegengewirkt und ein qualitativ hochwertiges Ingenieurstudium sichergestellt werden.

Berufliche Bildung fit für die (digitale) Zukunft?

Der digitale Wandel verändert unsere Art des Arbeitens und führt zu neuen Geschäftsmodellen. Produkte für Industrie 4.0 oder komplett digital gesteuerte Produktionsabläufe bieten der Wirtschaft viele Chancen, aber auch Herausforderungen. Künstliche Intelligenz ermöglicht sich selbst steuernde Fertigungsanlagen, in denen Maschinen und Roboter autonom lernen und miteinander oder mit Menschen interagieren. 3D-Druck, Machine Learning und Big Data stehen alle auf der Agenda der Betriebe.  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen neue Verfahren und Technologien lernen und diese kompetent anwenden können. Ist das System der beruflichen Ausbildung dieser Herausforderung gewachsen? Brauchen wir gar neue Berufe?

Bereits im Jahr 2016 legte der VDMA die Studie „Industrie 4.0 – Qualifizierung 2025“ vor. Ihre wichtigsten Empfehlungen lauteten: Neue Inhalte wie zum Beispiel „Additive Fertigung, IT-Security oder Cyber-Physikalische-Systeme“ sollten in die bestehenden Berufsbilder integriert und Aus- und Fortbildungen entsprechend angepasst werden. „Neue Berufsbilder werden derzeit nicht benötigt“, betont VDMA-Bildungsleiter Friedrich.

Entsprechend haben die Sozialpartner Gesamtmetall, IG Metall, VDMA und ZVEI sowie die zuständigen Bundesministerien mit der Modernisierung der Berufe reagiert. Seit dem August 2018 bilden Unternehmen ihren Fachkräftenachwuchs in elf modernisierten industriellen Metall- und Elektroberufen aus. Folgende Berufe wurden modernisiert:

  • Anlagenmechaniker/in
  • Elektroniker/in für Automatisierungstechnik
  • Elektroniker/in für Betriebstechnik
  • Elektroniker/in für Gebäude und Infrastruktursysteme
  • Elektroniker/in für Geräte und Systeme
  • Elektroniker/in für Informations- und Systemtechnik,
  • Industriemechaniker/in
  • Konstruktionsmechaniker/in
  • Mechatroniker/in
  • Werkzeugmechaniker/in
  • Zerspanungsmechaniker/in

In diese Berufe wurden neue gemeinsame Inhalte aufgenommen. Dazu gehören unter anderem die Themen Datensicherheit und -analyse, informationstechnologische Auftragsabwicklung und Terminverfolgung, Recherche in Clouds und Netzen sowie der Umgang mit digitalen Lernmedien und mit Assistenz-, Diagnose- oder Visualisierungssystemen.

Neue Zusatzqualifikationen für bereits laufende Ausbildungen

Darüber hinaus haben die Sozialpartner und die Berufsbildungsexperten sieben neue Zusatzqualifikationen entwickelt, die von den Betrieben bei Bedarf genutzt werden können. Dabei geht es um Bereiche wie Systemintegration, digitale Vernetzung, additive Fertigung, Prozessintegration, IT-gestützte Anlagenänderung, Programmierung und IT-Sicherheit. Für die Vermittlung dieser optionalen Zusatzqualifikationen sind jeweils acht Wochen vorgesehen. Besonders interessant: Diese Zusatzqualifikationen können auch Auszubildenden angeboten werden, die sich jetzt bereits im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr befinden.

Nachwuchsstiftung Maschinenbau – Umsetzungsarm in die Praxis

Unsere Nachwuchsstiftung Maschinenbau steht schon seit zehn Jahren für eine gelungene Transformation neuer Ausbildungsinhalte in die betriebliche Praxis. Hierzu hat sie ein einzigartiges Netzwerk von Ausbildungsbetrieben und beruflichen Schulen aufgebaut. Die Nachwuchsstiftung hat die Themen Digitalisierung und auch Zusatzqualifikationen bereits in ihr Programm aufgenommen und bietet Unternehmen und Schulen entsprechende Beratungs- und Qualifizierungsangebote.  

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