Die Marktwirtschaft muss geschützt werden

Anna McMaster

Werden Protektionismus oder ein „digitalisierter Leninismus“ die Wirtschaftsordnung in Europa überrollen? Auf dem Kongress „Maschinenbau vorausgeDACHt“ wird die Marktwirtschaft verteidigt – aber sie muss reformiert werden.

Welchen Stellenwert hat die freie und soziale Marktwirtschaft noch in einer Welt, in der die Wirtschaftssysteme immer weiter auseinanderdriften? Eine Welt, in der die einen Länder sich hinter immer höheren Schutzzäunen abschotten und die anderen sich durch vermehrte staatliche Lenkung definieren? Für VDMA-Präsident Carl Martin Welcker gibt es in dieser Frage keine Zweifel: „Wir haben mit der Marktwirtschaft noch immer das beste Wirtschaftssystem, aber wir müssen sie schützen und reformieren“, forderte er auf dem Drei-Länder-Kongress „Maschinenbau vorausgeDACHt“ in Bregenz, der von den Verbänden VDMA, Die Metalltechnische Industrie und Swissmem sowie der Zeitschrift „Produktion“ organisiert wurde. Die Gemeinsamkeiten in der Industrie gerade der drei deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und Schweiz sind groß – umso wichtiger, dass diese Länder auch gemeinsame Strategien entwickeln, um im Kampf der Systeme zu bestehen.

Denn die Vorträge und Diskussionen des ersten Kongresstages zeigten klar: die Gefahren und Herausforderungen durch zunehmenden Protektionismus auf der einen und der staatlichen Industriepolitik Chinas auf der anderen Seite sind real. Protektionismus ist zwar kein Phänomen, das erst mit US-Präsident Donald Trump wieder auf die Agenda der Industrie gekommen ist, wie der britische Wirtschaftsprofessor Simon Evenett aufzeigte. Bereits seit 2009 steigt die Zahl neuer Handelsbarrieren deutlich an und übertrifft deutlich die Zahl neuer Liberalisierungsmaßnahmen. Aber die deutschsprachigen Länder gehören zu den am stärksten Betroffenen und die Dynamik neuer Handelsbarrieren nimmt seit 2013 zu, erläuterte der in St. Gallen lehrende Handelsexperte. „Zölle sind dabei gar nicht das größte Hemmnis im Außenhandel, sondern vielmehr staatliche Subventionen für lokale Unternehmen“, betonte Evenett. 

„Die Vernunft wird sich wieder durchsetzen. Über Austausch entsteht Wohlstand.“

Auch dies ein Grund, warum sich mittelständische Maschinenbauer mehr und mehr mit der Frage beschäftigen müssen, ob sie in Ihren Absatzländern Produktionswerke errichten sollten. Der Verpackungsmaschinenspezialist Multivac aus dem Allgäu hat die Zahl seiner Auslandsstandorte in den vergangenen Jahren deutlich erhöht, Produktion vor Ort aufgebaut und bezieht mehr Komponenten von lokalen Lieferanten als früher, erläuterte Multivac-Chef Hans-Joachim Boekstegers. Das habe ebenso zum Erfolg beigetragen, wie die Strategie, ständig nach neuen Lösungsansätzen für kundenspezifische Wünsche zu suchen und sich damit in immer mehr Nischen erfolgreich zu platzieren. „Wir haben unsere Wertschöpfungstiefe deutlich erhöht“, betonte Boekstegers.

Gerade der europäische Mittelstand habe mit solchen Nischenstrategien auch weiterhin viele Chancen, sich gegen das immer stärker auftrumpfende China behaupten zu können, erläuterte der Trierer Wirtschaftsprofessor Sebastian Heilmann, Gründungsdirektor des Mercator Institute for China Studies. Dass China auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen Großmacht ist, daran ließ Heilmann keine Zweifel. Auch und gerade in Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren strebt die Volksrepublik die weltweit führende Rolle an. Aber das chinesische System, das Heilmann als „digitalisierten Leninismus“ bezeichnete, bewegt sich auch immer weiter von der marktwirtschaftlichen Ordnung europäischer Prägung weg, warnte er. „China wird kein liberaler Staat werden und Europa muss sich dem stellen.“ Aber auch, wenn die Welt im Augenblick eher auseinanderzudriften droht, wollte sich VDMA-Präsident Welcker nicht bange machen lassen: „Die Vernunft wird sich wieder durchsetzen. Über Austausch entsteht Wohlstand“ – auch wenn die Entwicklung in den kommenden Jahren vielleicht noch in eine andere Richtung gehen wird.