Plattformökonomie: Maschinenbau treibt digitalen Wandel voran

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Die Wertschöpfung im B2B-Geschäft erfolgt immer stärker durch digitale Services. Der Maschinenbau kann Treiber der neuen Plattformökonomie sein - Voraussetzung ist aber, dass das Thema auf Vorstandsebene verankert wird.

Der digitale Wandel wird vom Maschinenbau erfolgreich vorangetrieben – bisher vor allem in der Produktion, künftig auch mit neuen Geschäftsmodellen. Digitale Plattformen und die damit verbundene Plattformökonomie werden eine immer größere Rolle einnehmen, die Wertschöpfung in der Maschinenbauindustrie erfolgt immer stärker durch digitale Services. „Anders als im Consumer-Bereich lassen sich die häufig komplexen Prozesse von der gemeinsamen Entwicklung und der individuellen kundenspezifischen Konfigurierung einer Maschine über die Inbetriebnahme bis zu den After-Sales-Services aber nicht radikal vereinfachen. Das Know-how, um die Anforderungen eines Kunden zu erfüllen, haben die Unternehmen. Damit kann der Maschinenbau auch in der Plattformökonomie der Treiber des Geschehens sein“, erläutert Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA.

Zwingende Voraussetzung für diese führende Position ist allerdings, dass auch kleinere und mittlere Unternehmen den digitalen Wandel weiter vorantreiben. „Das Thema Plattform-Ökonomie gehört zwingend auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene verankert. Unternehmen müssen sich für die Plattformökonomie eine klare Strategie erarbeiten“, sagt Rauen.

Plattformökonomie braucht solide Rahmenbedingungen!

Mit der Entwicklung der Plattformökonomie im Maschinen- und Anlagenbau stellen sich den Unternehmen, welche diese Entwicklung vorantreiben, grundsätzliche Fragen zu den Rahmenbedingungen. Diese sind Grundlage für einen nachhaltigen Erfolg ihrer Projekte. Grundlegend, um hohe Datenvolumina bei geringen Latenzzeiten zu transportieren, sind leistungsfähige Netzinfrastrukturen. Die mangelhafte Leistungsfähigkeit der aktuellen Netzinfrastruktur bremst insbesondere die Entwicklung performanter Laufzeitumgebungen des Internet of Things (IoT) aus. Unter den derzeitigen Bedingungen ist es kaum vorstellbar, komplexe Fertigungsumgebungen adäquat unternehmensübergreifend zu steuern. Hier entstehen in kürzester Zeit riesige Datenvolumina, die gesammelt, analysiert und interpretiert werden müssen um Produktionsprozesse zeitnah zu beeinflussen. In dieser Hinsicht ist der Anspruch der Investitionsgüterindustrie, sich als Treiber der Plattformökonomie weltweit in der Spitze zu etablieren, durchaus gefährdet. Vor diesem Hintergrund ist es für die Branche kaum akzeptabel, auf den Ausbau einer Gigabit-Infrastruktur bis irgendwann im nächsten Jahrzehnt warten zu müssen. Die Aufgabe ist seit langem an die Politik adressiert; die Umsetzung ist, trotz aller Lippenbekenntnisse, eher notleidend.

Obwohl viele Maschinenbauunternehmen als „hidden champions“ Weltmarktführer sind, sind sie als Unternehmen weitestgehend mittelständisch geprägt. Dies bringt naturgemäß Restriktionen bezüglich aufwändiger organisatorischer und operativer Geschäftsprozesse mit sich. Da andererseits eine tiefe und komplexe Verbindung sowohl in Richtung der Beschaffungsmärkte als auch in Richtung der Absatzmärkte für Produkte und Dienste erforderlich ist, stellt die aktuelle Plattform-Inkompatibilität auf mittlere Sicht ein ernsthaftes Problem dar. Die jeweiligen Dienste auf den Plattformen der marktbeherrschenden Infrastrukturanbieter (Amazon, Google, Microsoft, …) sind nicht in der Lage, miteinander zu kommunizieren. Ein umfassender Marktzugang ist demnach nur möglich, wenn Lösungen für die einzelnen Plattformen redundant entwickelt und betrieben werden. Dieser erhöhte Aufwand bremst erfolgreiche Bemühungen mittelständischer Unternehmen über Gebühr aus und ist dauerhaft nicht akzeptabel. Insofern werden Aktivitäten wie dem „Industrial Data Space“, welche diese Inkompatibilität überwinden sollen, eine hohe Aufmerksamkeit der Branche zuteil. In diesem Sinne ist es positiv zu bewerten, solche Entwicklungen mit Förderinvestitionen zu unterstützen.

Datensicherheit, Datenintegrität und Datensouveränität sind Themen, die in allen Unternehmen, welche sich mit unternehmensübergreifenden Lösungen zur Abbildung von Geschäftsprozessen befassen, an sehr prominenter Stelle diskutiert werden. Insbesondere die Aktivitäten staatlicher Stellen außerhalb des europäischen Rechtsraums erwecken Bedenken und erzeugen damit eine Zurückhaltung bei Investitionen in Lösungen zur Plattformökonomie. Insofern ist es außerordentlich wünschenswert, wenn hohe Standards und klare Regelungen für die Sicherheit, das Eigentum und die rechtsverbindliche Verfügbarkeit über Daten nicht nur definiert, sondern international auch mit Nachdruck durchgesetzt werden. 

Im Vorfeld der Hannover Messe 2018 hat der VDMA zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger und der Deutschen Messe AG die Studie „Plattformökonomie im Maschinenbau“ erarbeitet, in der erstmals die Strukturen für digitale Geschäftsmodelle über die gesamte Breite einer Industriebranche im B2B-Segment hinweg analysiert werden. 

"Das Know-how, um die Anforderungen eines Kunden zu erfüllen, haben die Unternehmen. Damit kann der Maschinenbau auch in der Plattformökonomie der Treiber des Geschehens sein."

Die Studie listet auch die größten Herausforderungen sowie Handlungsempfehlungen für den mittelständischen Maschinenbau auf. Dr. Michael Zollenkop von Roland Berger erläutert dazu: „Die großen Hürden für Maschinenbauunternehmen bestehen darin, sich der Relevanz von Plattformen für das eigene Geschäft sowie der bisherigen – aber auch neuer – Kundengruppen bewusst zu werden. Zusätzliche Hardware-Umsätze, gesteigerte Kundenbindung oder Differenzierung im Wettbewerb durch neuartige digitale Services – je nach Zielstellung kommen unterschiedliche Plattformarten für das Unternehmen in Frage."

 

Zu den weiteren Herausforderungen zählen:

  • Die Plattformökonomie bringt völlig neuartige Know-how-Anforderungen im Vergleich zum Kerngeschäft mit sich, 
  • die Komplexität der B2B-Landschaft erzeugt derzeit eine Vielzahl von Plattformen. Diese sind jedoch aufgrund des Netzwerkeffektes unter einem Konsolidierungsdruck
  • der Wettbewerbsdruck und die Chancenpotentiale im Maschinen- und Anlagenbau werden aufgrund neuer Differenzierungsmöglichkeiten zunehmen.

 

Wie steht es um die "digitale Reife" des Unternehmens?

„Für den Einstieg in das Thema Plattformen sollten Maschinenbau-Unternehmen eine objektive Bestandsaufnahme durchführen, um sich realistische Ziele und Zeitpläne beim Aufbau eines Plattformgeschäfts zu geben. Wie steht es um die ,digitale Reife‘ des Unternehmens? Auf welchen existierenden Initiativen und auf welcher Wissensbasis im Unternehmen kann aufgesetzt werden? Und schließlich: Welche Know-how-Träger und Budgets stehen für eine Beschäftigung mit Plattformen zur Verfügung?", sagt Martin Lüers von Roland Berger.

Die Studie empfiehlt dazu: 

  • Entwicklung von Optionen – welche Positionierung im Umgang mit Plattformen passt zum Unternehmen, welche Anpassungen von Geschäftsmodell und Services sind erforderlich?
  • Kontrolle über die Kundenschnittstelle – Erweiterung des Angebots um digitale Services/Apps und Geschäftsmodelle als Schlüssel an der Kundenschnittstelle,
  • Eingehen von Kooperationen – manche Elemente der digitalen Geschäftsmodelle sollten in Eigenregie aufgebaut werden, manche erfolgen besser in Partnerschaften.

 

 

Zur Studie „Plattformökonomie im Maschinenbau“

Die Maschinenbauindustrie wird geprägt durch ihre hohe Komplexität. Viele Marktteilnehmer fertigen Spezialmaschinen nach ganz speziellen Kundenwünschen, und eine Vielzahl von kleinen Märkten wird von Mittelständlern bedient. Damit unterscheidet der Maschinenbau sich maßgeblich von anderen Industriezweigen oder dem Consumer-Geschäft. Die Plattformökonomie stellt nun eine neue Möglichkeit zur Abwicklung von Geschäftsvorgängen dar.

Interviews zur Plattformökonomie


Zwei Ausprägungen gibt es insbesondere:

  1. Digitale Marktplätze für industrielle Güter und Services,
  2. Industrielle Internet of Things (IoT)-Plattformen. 

Das Erfolgspotenzial von digitalen Plattformen beruht auf drei Charakteristika: Sie reduzieren Transaktionskosten, ermöglichen neue Services und Geschäftsmodelle und der Netzwerkeffekt erhöht den Nutzen der Plattformen exponentiell mit steigender Anzahl von Teilnehmern. 

 

Im Bereich der Marktplätze entstehen derzeit vor allem vertikal strukturierte Plattformen, welche in Wettbewerb zueinander treten. Dabei bietet ein Unternehmen seine Produkte, das Zubehör, die Ersatzteile und Services und eventuell auch Gebrauchtmaschinen über die Plattform an. Ergänzt wird dieses Angebot von Anbietern von Rohmaterialien, Logistikdienstleistern, Finanzierungsdienstleistern oder Softwarehäusern. Der Kunde kann sich so rund um das Kernprodukt mit allen relevanten Gütern und Leistungen auf der gleichen Plattform bedienen. 

Die Plattformökonomie wird ähnlich zum B2C-Umfeld auch im Maschinenbau eine neue Epoche einläuten.

Die Erfolgsfaktoren für Plattformen lauten:

  • niedrige Einstiegshürden,
  • ein breites Angebot von Produkten und Services,
  • ein schnelles Wachstum der Plattform,
  • der sukzessive Ausbau mit kostenpflichtigen Premiumservices.

 

 

 

Fazit:

Die Plattformökonomie wird ähnlich zum B2C-Umfeld auch im Maschinenbau eine neue Epoche einläuten. In Zukunft wird ein wichtiges Element der Differenzierung von Maschinenbauern der Mehrwert sein, der über digitale Services und Geschäftsmodelle zur Verfügung gestellt wird. Eine Positionierung in der Plattformökonomie muss deshalb essentieller Bestandteil eines jeden Maschinen- und Anlagenbauers werden. 

 

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