Die Rebellin

20.03.2015 | id:7427246

Wie die Inderin Preyansi Mani Grenzen überschreitet

Erst einmal stellt Preyansi Mani, 29, den Besuchern Fragen. Sie klingen harmlos, sind aber Teil einer durchdachten Dramaturgie. Die junge Frau hat die Fragen in ihrem Notizbuch notiert und liest vor. Wer von Ihnen ist das erste Mal in Indien? Wer würde gerne das Taj Mahal besuchen? Das Mausoleum, das der Großmogul Shah Jahan im 17. Jahrhundert für seine große Liebe Mumtaz Mahal bauen ließ, ist eine touristische Attraktion, eine der schönen Seiten Indiens. Aber um die geht es Mani gar nicht. Sie folgt ihrer Dramaturgie. Wer hat schon mal zu Hause die Toilette geputzt? Alle zeigen auf. Blöde Frage! Was ist schon dabei. „Für einen Deutschen mag das nichts Besonderes sein“, sagt Mani. In Indien schon. „Putzen ist ein Stigma, ein Job für die Angehörigen der untersten Kaste.“ Mani bildet Lehrer aus, die Reinigungskräfte für Büros, Fabriken und Krankenhäuser unterrichten. Die sind in Indien dringend gesucht. Mani arbeitet für den deutschen Maschinenbauverband VDMA, der gemeinsam mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ die Kurse entwickelt hat und finanziert. Sie finden an landesweit vier privaten Berufsschulen statt. „Viele unserer Teilnehmer sind Schulabbrecher oder haben nie eine Schule besucht“, sagt Mani: „Unsere Leute werben in den Slums für die Kurse. Bildung öffnet einen Weg aus der Armut.“

In dem schattigen Klassenzimmer jenseits des Innenhofes sitzt rund ein Dutzend Schüler. Sie tragen Kittel. Sie lernen, welches Putzmittel gegen welchen Schmutz taugt. „Das einzige, was die Teilnehmer bislang kannten,waren Mopp und Besen“, sagt Mani. Jetzt bedienen sie Kehrmaschinen, Hochdruck-und Dampfdruckreiniger. Die Geräte stehen aufgereiht an der Wand des  Klassenzimmers. „Die Teilnehmer lernen nicht nur, wie man professionell putzt, sie lernen auch Disziplin und Routine“, sagt Mani: „Das ist vielleicht die größere Hausforderung. Wer im Slum aufwächst, kennt häufig keinen geordneten Alltag.“ Die Sprache sei oft rüde. 45 Tage dauert ein Lehrgang. Die Männer wohnen in der Schule. Für Frauen gibt es keine Unterkunft. Das ist ein Problem. Was Mani erzählt, gewährt auch Einblicke in die indische Gesellschaft. Anfänglich dachten die Initiatoren, die Reinigungsseminare seien besonders gut geeignet für Frauen. Ein Irrtum. Viele Auftraggeber glauben, dass Frauen zu schwach seien, um richtig mit den Maschinen umzugehen. Und Hotels, Flughäfen oder Einkaufszentren werden meistens nachts geputzt. „In der Öffentlichkeit sind Frauen in Indien nachts nicht sicher.“ Die Auftraggeber müssten dann Sicherheitspersonal einstellen, um die Frauen zu schützen. Das kostet.



Mani stammt aus Lucknow im Bundesstaat Uttar Pradesh. Ihr Vater war Beamter, die Mutter Hausfrau. Mittelschicht, ihre Familie gehört der obersten Kaste an. Die
drei Töchter haben studiert, die jüngste, Mani, Politikwissenschaften am renommierten Lady Shri Ram College in Dehli. Danach hat sie als Stipendiatin des Ghandi
Fellowship an Schulen im Bundesstaat Rajasthan gearbeitet. Mani hat vor Kurzem geheiratet, ihr Mann, Abhishek Choudhary, 26, arbeitet für die Nicht-Regierungsorganisation Saajha, die sich für einen Austausch von Lehrern und Eltern an Grundschulen einsetzt. Das Paar gehört zu den High Potentials, von denen viele das Land verlassen,um im Silicon Valley oder in London sehr viel Geld zu verdienen. „Ich finde Geld nicht sonderlich spannend“, sagt Mani. Sie will soziale Probleme lösen, vor Ort. „Ich war schon immer ein Rebell.“ Sie will alte Denkweisen brechen. „Grenzen zwischen Kasten interessieren mich nicht“, sagt sie. Mani will, dass sich die Lage der Arbeiter verbessert. Das Land brauche neue Perspektiven. „Und ich will Teil des Wandels sein.“

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content

Bildquelle : VDMA

Hug, Peter
Hug, Peter
Press Gallery
Zurück